Von der Imitation zur Innovation - Hightech-Standort China?
Auf der Data Management Konferenz im September hat Sonja Opper, Professorin für Internationale Wirtschaft an der Universität Lund (Schweden) und China-Expertin, einen Vortrag über die zukünftige Wirtschaftsmacht China gehalten. Wie haben sie dazu befragt.
Hier finden Sie das vollständige Interview und weitere Informationen zu Frau Professor Sonja Opper.
Interview
1. Seit Jahren geht in Europa die Angst um, China könnte Europa wirtschaftlich überrennen. Und zwar mit dem "Klau" von Patenten. Inwiefern stimmt das?
Zur Zeit durchläuft die VR China eine wirtschaftliche Entwicklungsphase, bei der die Immitation naturgemäß im Vordergrund steht. Ähnliche Aufholprozesse konnten bereits bei den asiatischen Tigerstaaten, insbesondere aber bei der wirtschaftlichen Entwicklung Japans beobachtet werden. Generell kann man sagen, dass bei aufholenden Volkswirtschaften die Immitation von erfolgreichen Produkten, teilweise gepaart mit marginalen Weiterentwicklungen, eine grosse Rolle spielt. Dass China dabei besonders durch die Nichtbeachtung von "Intellectual Property Rights" auffällt, ist nicht von der Hand zu weisen. Markenpiraterie ist an der Tagesordnung und wird oft von den zuständigen Behörden nur halbherzig verfolgt. Ähnlich verhält es sich mit dem Nachbau und der Kopie von Maschinen und Anlagen. Hier ist China derzeit eher in der Lage, Marktanteile bei den Entwicklungs- und Schwellenländern zu erobern; das heisst China konkurriert zur Zeit noch in niedrigeren Qualitätssegmenten. Aber langfristig wird sich selbstverständlich das wirtschaftliche Kräfteverhältnis global verschieben. Prognosen gehen davon aus, dass China etwa 2040 die stärkste Wirtschaftsmacht sein wird; Deutschland und Europa werden relativ verlieren. Eine solche Entwicklung wird alleine aufgrund der unterschiedlichen Ressourcenausstattung kaum abzuwenden sein.
2. Wo steht die Volksrepublik China heute auf dem Gebiet der technologischen Innovationen?
In der Breite ist China im Bereich „technologische Innovation“ noch bei weitem nicht mit den westlichen Industrieländern vergleichbar. Aber es sind durchaus Kernbereiche erkennbar, in denen global konkurrenzfähige technologische Innovationen verzeichnet werden. Zu erwaehnen ist beispielsweise die Biotechnologie und die Medizintechnik. Häufig werden technologische Innovationen in Kooperationen zwischen Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen realisiert, die dann zu der Gründung entsprechender technologischer Start-up Unternehmen führen.
3. Wie lange wird es dauern, bis China so innovativ ist wie Europa - oder noch innovativer?
Derartige Prognosen sind meiner Ansicht nach nicht seriös. Technologische Entwicklung schreibt sich weder linear fort, noch ist eine solche Dynamik abgekoppelt von der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung eines Landes zu prognostizieren. Hinzu kommt, dass "China" in seiner Durchschnittsentwicklung für Europa nicht als Referenz dienen sollte. Man bedenke, dass viele der Provinzen die Größe bevölkerungsreicher europäischer Länder haben. Als seriöse Bedrohung der europäischen Wirtschaftskraft kann daher bereits die punktuelle Entwicklung von einigen Küstenprovinzen ausreichen. Zu bedenken ist auch, dass ja auch die Innovationskraft Europas nicht als Fixum betrachtet werden sollte; die fuer mich relevante Frage ist daher, ob Europa die geeigneten Maßnahmen ergreift (dazu zaehlt sicher die Bildungspolitik), um die Innovationskraft Europas dauerhaft zu staerken und weiter zu verbessern.
4. Wie groß ist die Diffusion von CAD-Produkten in China?
Das ist schwer einzuschaetzen. Gerade der Bereich CAD-Produkte ist nicht zuletzt von Produktpiraterie betroffen, so dass offizielle Verkaufszahlen wenig aufschlussreich sein duerften. Schaetzungen gehen davon aus, dass zumindest im Rahmen offizieller Förderkampagnen eine Abdeckung von ca. 70% der grossen und mittleren Unternehmen erreicht wurde. Fuer den Sektor der privaten Klein- und Mittelbetriebe sind Schäztungen nahezu unmöglich.
5. Einige Finanzexperten behaupten, Chinas Wirtschaft sei völlig überhitzt, das jährliche Wachstum zu groß. Droht die "Blase" zu platzen?
Infolge starker monetärer Steuerungsinstrumente, die die chinesische Führung nach wie vor in Händen hält, ist die Regierung relativ gut positioniert, eine "weiche" Landung herbeizuführen. Dies ist in den vergangegen Jahren bereits mehrfach durch restritive Kreditvergabepolitiken über den staatlichen, nach wie vor dominierenden Bankensektor erreicht worden. Auch Kapitalverkehrskontrollen verhindern ein schnelles Abziehen ausländischen Kapitals, was ja im Rahmen der Asienkrise maßgeblich zum Platzen der Blase beigetragen hat.
6. Kann man die wirtschaftliche Entwicklung Chinas mit der Japans in den 80er-Jahren vergleichen? (Hinweis auf private Maschinenbauindustrie, die boomt)
Ähnlichkeiten sind sicher mit den meisten ostasiatischen Nachbarländern vorhanden. Im Grunde genommen sehen wir in China und Indien typische ökonomische Aufholprozesse (einschließlich der typischen Schwerpunktsetzung der Branchenentwicklung). Dass diese Prozesse für die reifen Industrienationen in diesem Falle ungleich schmerzhafter verlaufen, liegt einerseit natürlich an der Größe des Landes, und andererseits an dem auf lange Sicht fortbestehenden Lohnkostenvorteil, der sich aus einer Kombination schwacher sozialer Sicherungssysteme und einem nahezu unbegrenzten Arbeitsangebot, gerade für arbeitsintensive Tätigkeiten ergibt.
7. Was kann Deutschland tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Ich sehe vor allem die Forschungs- und Bildungspolitik in der Pflicht. China hat längst die Bedeutung der Humankapitalentwicklung als langfristig strategischen Entwicklungsfaktor erkannt. Schlechte Rankings in Deutschland zeigen aber, dass über viele Jahre gerade hier in Deutschland vieles versäumt wurde. Die neue Initiative der gezielten Förderung von Eliteuniversitäten mag hier ein positives Signal geben, kann aber nur als Beginn einer weit umfassenderen Neuausrichtung und Förderung von Bildung dienen. Ich kann hier aus eigener Erfahrung sprechen; mein Wechsel von einer guten deutschen Universität an eine schwedische Universität zeigte mir erst, wie schlecht in Deutschland die Mittelausstattung und folgerichtig die Studien- und Forschungsbedingungen im europäischen Vergleich sind. Hier wurde mir die Möglichkeit geboten, innerhalb von nur zwei Jahren, ein Studienprogramm zur Erlangung eines „Master of International Economics, focus China“ zu entwickeln. Nicht zuletzt ermöglicht wurde dies, durch die Einwerbung von Drittmitteln der Firma Tetra Laval, die unter anderem meinen Lehrstuhl stiftete, und auf diese Weise eine höhere Chinakompetenz von Ökonomen fördern möchte.
Neben der Bildungspolitik, wird für Investoren entscheidend sein, ob Deutschland in der Lage ist, bürokratische Prozesse abzubauen, um ein geschäftsfreundliches Klima zu schaffen. Es muss uns eine deutliche Warnung sein, dass ausgewählte chinesische Provinzen wie beispielsweise Zhejiang (Nachbarprovinz zu Shanghai) heute schon beim Bürokratieindex des World Competitiveness Yearbook besser abschneiden als Deutschland. Die Gründe hierfür sind einsichtig; die lokale Wirtschaftsentwicklung ist als explizite Gehaltsdeterminante bei der Beamtenbeurteilung und -entlohnung ausschlaggebend. Da ist es nachvollziehbar, dass auf der lokalen Ebene geradezu ein Wettbewerb um die Bereitstellung der besten Investitionsbedingungen entbrannt ist.
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Universität Lund
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